Zur Situation in Bosnien

Am Morgen backt eine Gruppe junger Männer aus Afghanistan in einem Squat.
Bihać BiH, 2020 © Giorgio Morra

Sackgasse am Rand der EU

Wie ein komplexes Flusssystem besteht die Balkanroute aus unterschiedlichen Wegen die durch Südost-Europa in die EU führen. Nachdem die europäische Außengrenze zwischen Serbien und Ungarn mit Zäunen, NATO-Draht und Überwachungskameras geschlossen wurde, entstand eine neue Route. Diese führt nun durch Bosnien, vorbei an den Kleinstädten Bihac und Velika Kladusa im Kanton Una-Sana. Von den beiden Grenzorten folgt die Route den spärlich bewohnten Bergkämmen und Wäldern Kroatiens nach Slowenien und Italien. Doch für viele der meist jungen Männer aus Ländern wie Afghanistan, Pakistan und Algerien ist hier an dem nordwestlichen Zipfel Bosniens Endstation.

Obwohl die Grenze zu Kroatien nicht mit einem Zaun „gesichert“ ist, zeigt sie sich als gefährliches Bollwerk der europäischen Migrationspolitik. Immer wieder berichten Geflüchtete, Journalisten und NGOs über das brutale Vorgehen der kroatischen Grenzpolizei. Dabei werden die Menschen nicht direkt an der Grenze abgewiesen, sondern weit im Landesinneren Kroatiens aufgespürt und wieder illegal nach Bosnien abgeschoben.

Dadurch stranden seit ca. 2,5 Jahren immer mehr Menschen in der Region ohne Aussicht auf ein Weiterkommen. Offizielle Schätzungen gingen Ende 2019 von rund 10.000 Geflüchteten in Bosnien aus. Während die Zahl der Geflüchteten stetig ansteigt, wurden die Kapazitäten der offiziellen Lager nicht ausgebaut. Die Proteste innerhalb der bosnischen Bevölkerung häuften sich und der – mitunter aggressive – Ruf nach einer Lösung der Flüchtlingsproblematik wurde lauter.

Im Sommer 2019 begannen die örtlichen Behörden dann, Migrant*innen aus dem Stadtgebiet von Bihac auf die Mülldeponie Vucjak zu deportieren. Dort entstand ein improvisiertes Camp, in dem es an allem fehlte: An sanitären Einrichtungen, Verpflegung, medizinischer Versorgung und Elektrizität. Von Beginn an war das Camp ein humanitäres Desaster. Nachdem sich die Situation mit dem einsetzenden Winter immer mehr verschärfte, wurde das Lager Anfang Dezember 2019 endlich geschlossen. Die Schließung hatte jedoch nicht nur positive Folgen.

Nur ein Teil der Menschen, die in Vucjak untergebracht waren, wurde mit den Bussen der Behörden in die neu eröffneten Lager in der Nähe der bosnischen Hauptstadt Sarajevo gebracht. Der andere Teil musste in leerstehenden Häusern, Ruinen oder in verwaisten Tierställen Unterschlupf finden.

Die „Behausungen“ sind meist in katastrophalen Zuständen. Die Orte sind trotz der kalten Minustemperaturen meist nicht beheizbar und zudem nass. Decken und warme Kleidung sind häufig nicht vorhanden. Dies führt in Kombination mit der fehlenden medizinischen Versorgung, der mangelnden Ernährung und den flächendeckenden Erkrankungen – wie der überall präsenten Krätze – zu besorgniserregenden Gesundheitszuständen. Die provisorischen Unterschlupfe sind meist weit verstreut, was die Unterstützung durch die wenigen Helfer*innen vor Ort zusätzlich erschwert. Die Situation der Geflüchteten und insbesondere deren Versorgung hat sich tragischerweise durch die Schließung Vučjak sogar noch verschlimmert.

 

Frühere Müllhalde Vucjak, bis Dezember 2019 befand sich hier ein Flüchtlingslager. Hinter den Bergen die bosnisch-kroatische Grenze. Vucjak BIH, 2020 © Giorgio Morra

Zur Lage der Geflüchteten

Die Verzweiflung der Geflüchteten, die in Bosnien stranden, blieb leider seit unserer ersten Fahrt 2018 die gleiche, traurige Konstante. Nach ihrer meist jahrelangen Flucht werden die Menschen an der Außengrenze der EU brutal gestoppt. Brutal deswegen, weil die kroatische Polizei die Geflüchteten immer wieder misshandelt, ihre Smartphones, die u.a. der Navigation dienen, zerstört und Schuhe und Rucksäcke vor ihren Augen verbrennt. Ungeachtet dessen, ob sich in der Gruppe der Geflüchteten auch Kinder oder Frauen befinden, wird stets dieselbe Abschiebungspraxis angewendet.

So beschrieb uns eine irakische Familie, dass sie zusammen mit ihren vier Kindern bereits zehn Mal illegal von den kroatischen Polizisten abgeschoben worden sei, wobei gerade durch die besondere Schutzbedürftigkeit der Kinder ein Asylverfahren rechtlich wie moralisch gewährt werden müsste.

Was sich im Vergleich zur letzten Fahrt 2018 verschlimmert hat, ist die gestiegene Abneigung vieler Einheimischer gegenüber den Geflüchteten. Im letzten Jahr hatten wir noch eine große Hilfsbereitschaft wahrgenommen. Viele Bosnier*innen unterstützten die Geflüchteten, auch wenn sie oft selbst wenig besaßen. Ein Jahr später war überall Frust zu spüren. Frust über die EU-Politik, die illegalen Abschiebungen nach Bosnien und die steigende Zahl von Geflüchteten.

Obdachlose Geflüchtete waren bei unserer Reise im Stadtbild von Velika Kladuša und Bihac überall präsent. Für die, die ohne Obdach waren und auf der Straße, in Industrie-Ruinen, verlassenen Rohbauten ohne Türen und Fenster oder zu Wuchermieten in unbeheizten Wohnungen hausten, wurde der bosnische Winter zur ständigen, lebensbedrohlichen Gefahr. In den Behausungen gibt es weder Toiletten und Elektrizität noch fließend Wasser. Um sich gegen die Minustemperaturen zu schützen wird notdürftig Müll verbrannt. Es hängt oft ein beißender Rauch in der Luft, der umgehend zu Reizhusten führt. Gerade für die vielen Kinder und Jugendlichen, die hier auch ausharren müssen, stellt dies eine enorme Gefahr da.

Neben der physischen Gesundheit ist die psychische Situation der Geflüchteten häufig besorgniserregend. Bedingt durch die Kriegserfahrungen im Heimatland, den Erfahrungen auf der Flucht und insbesondere durch die „Push-Backs“ sind die Menschen schwer traumatisiert.

Wir haben beispielsweise zwei Frauen Anfang 30 aus dem Irak kennengelernt, die in einem ausrangierten Transportcontainer lebten. Die Frauen hatten zum Zeitpunkt unseres Gespräches bereits 19 Mal versucht, über Kroatien in den Schengenraum zu gelangen, jedes Mal wurden sie aber von der kroatischen Polizei aufgegriffen und wieder nach Bosnien abgeschoben. Den Frauen war es aber auch nicht möglich Asyl in Bosnien zu beantragen, da Bosnien nur in absoluten Ausnahmefällen Asylanträge bearbeitet. Eine bosnische Helferin berichtete uns nach unserer Abreise, dass die Frauen nochmals versucht hatten, über die Grenze zu kommen. Wieder wurden sie von der Polizei aufgegriffen und diesmal misshandelt. Das Trauma bei einer der Frauen liegt so tief, dass sie aufgehört hat zu sprechen.

Viele der geflüchteten Menschen leben in ständiger Angst, wieder von den örtlichen Behörden vertrieben zu werden. Als wir zum Abendessen bei einer Gruppe Pakistani eingeladen wurden, die das Glück hatten, in einem kleinen Haus ohne Heizung leben zu können, erzählte uns ein junger Mann, dass sie Angst haben, das Haus zu verlassen. Sie befürchteten von Spezialkräften der bosnischen Polizei misshandelt und verjagt zu werden.

„They beat us like animals. They don’t talk to us, they just beat. We are no animals. How can they not see that?“, fragte uns der junge Mann mit Tränen in den Augen. Er erzählt, dass sein 14-jähriger Bruder oft weint. Er möchte draußen spielen, Sport machen und zur Schule gehen. Stattdessen ist er gezwungen, untätig in einer ungeheizten Wohnung auszuharren. In ständiger Angst, dass ihnen auch diese Wohnung nicht sicher ist.


Verletzungen von Geflüchteten die durch kroatische Grenzbeamte entstanden sein sollen. Velika Kladuša BIH, 2018 © Angélica Sánchez

Die aktuelle Situation in Zeiten von Corona

Wir sind seit unserer letzten Fahrt von Dezember 2019 bis Januar im ständigen Kontakt mit den Helferinnen und Helfern an der bosnisch-kroatischen Grenze, die wir in Velika Kladuša und Bihac kennen gelernt haben. Wenn wir schon damals von den Verhältnissen schokiert waren und uns Sorgen um ihre psychische und physische Gesundheit gemacht haben, hat sich die Situation nun abermals dramatisch verschlechtert.

Es kommen tagtäglich immer mehr Menschen in Bosnien an, aber kaum einer gelangt in den Schengenraum. Sie werden fast alle abgefangen, illegal und teilweise unter brutaler Gewaltanwendung zurück über die bosnische Grenze abgeschoben. Immer mehr Menschen berichten von diesen illegalen Abschiebungen, die nicht nur durch die kroatische Polizei verübt werden, sondern selbst von Slowenien und Italien nach Bosnien geschehen.

Die offiziellen Lager in Bosnien waren schon während unseres Besuchs im Januar überfüllt und Hunderte gezwungen, in leerstehenden Häusern, Zelten und Ruinen zu überleben. Durch die rasant ansteigende Zahl der Geflüchtete ist die Situation zur Katastrophe geworden. Die fehlende internationale Hilfe zeigt sich schon jetzt in immer größer werdenden Engpässen bei der Versorgung mit den nötigsten Lebensmitteln. Es kommt zu Auseinandersetzungen um das Wenige, das die Helfenden zur Verfügung stellen können.

Selbst Trinkwasser ist knapp. Viele Geflüchtete sind gezwungen, sich aus den schmutzigen Abwasserflüssen zu bedienen. Durch die verhängte Corona-Ausgangsbeschränkung in Bosnien gibt es keine offiziellen Möglichkeiten mehr, den Menschen zu helfen. Die wenigen lokalen Helfer*innen versuchen mit ihren bescheidenen Mitteln, die Not ein klein wenig zu lindern.

Anfang März starb der erste Mensch in Bosnien-Herzegowina am Coronavirus, ausgerechnet in der Stadt Bihać. Es gibt dort keine Beatmungsgeräte und nur wenige Krankenhäuser, die Furcht vor einem unkontrollierten Ausbruch der Krankheit ist groß. Seit einigen Wochen herrscht eine strenge Ausgangssperre. Auf den Straßen patrouillieren Polizei und Militär.

Die Ressentiments der Bevölkerung gegenüber den Geflüchteten, die wir schon im vergangenen Jahr schmerzhaft wahrnehmen mussten, haben sich jetzt nochmal vervielfacht. Der der Bürgermeister von Bihać macht die Geflüchteten für die Verbreitung des Virus mitverantwortlich. In einem Facebook-Video sagt er: „Das Problem ist, dass zweitausend Migranten frei durch die Stadt laufen und die Anordnungen nicht ernst nehmen.“ Er sagt, wenn ihnen niemand helfe, dann werden sie das Problem auf eigene Faust lösen.

Und auch in der Bevölkerung wächst die Wut. Auf Internetseiten hetzen rechte Gruppen gegen die Geflüchteten, an einigen Supermärkten in Bihać hängen nun Schilder, auf denen steht: Keine Migranten erlaubt.

Weil sich die Lage in der Region immer weiter zuspitzt, hat nun der Bürgermeister von Bihać beschlossen, auf eigene Faust ein neues Lager zu eröffnen. Es liegt etwa 30 Kilometer von Bihać entfernt auf einem Hügel im Dorf Lipa. Es gab die Befürchtungen, das es ein neues Vujack 2.0 wird. Diese Befürchtungen scheinen sich nicht zu Bewahrheiten. Das Lager soll wohl in den nächsten Wochen eröffnet und die Geflüchteten von den Straßen dorthin deportiert werden. Immerhin wurde zu letzt bekannt, dass das IOM (International Organization of Migration von der UN) sich hier miteinschaltet und große Zelte mit Heizungen bereitstellen wird.

Die Ausgangssperren, die Lebensmittelknappheit und das Fehlen von Einkünften treffen schon die bosnische Bevölkerung zur Zeit extrem hart. Für die wenigen Helfer*innen wird die Arbeit so an vielen Stellen fast unmöglich und wenn sie es doch schaffen zu helfen begeben sie sich häufig persönlich in Gefahr. Gefahr von örtlichen Behörden kriminalisiert zu werden und natürlich auch in Ansteckungsgefahr.

Und Sie nehmen diese Gefahr auf sich, weil sie leider alternativlos ist. Praktisch alle internationalen Helfenden und Journalisten haben das Land verlassen und sind wieder in Ihrer Heimat. Die schier unlösbare Aufgabe zu Helfen und ja teilweise das Überleben der Menschen zu sichern lastet nun vollständig auf den Schultern dieser wenigen Privatpersonen.

Eine Gruppe bereitet sich für den Fußweg nach Europa vor. Bihac BIH, 2020 © Giorgio Morra